Sie sind hier: Startseite » Einblicke » Interview

Wo unvorstellbare Armut herrscht

Gespräch mit Pfr. Dr. Friedrich Jens Mommsen

Der evangelische Kirchenkreis Marburg-Land unterstützt 120 Familien in der "Stadt der Kinder"

Vor neun Jahren begann der evangelische Kirchenkreis Marburg-Land seine Hilfsaktion "Straßenkinder in Addis Abeba". Damals wurden 13 Kinder unterstützt, mittlerweile sorgen die Marburger Christen für 120 Kinder. Nahrung, Kleidung, Gesundheitsfürsorge und Schulbildung werden durch die Spendenbeträge (Sonderkonto des Kirchlichen Rentamtes Nummer 12467 bei der Kreissparkasse Marburg) getragen. Vermittler dieser Aktion ist die Hermannsburger Mission, die mit der evangelischen Mekane Yesus Kirche in Äthiopien zusammenarbeitet. Nach dem Umsturz des Jahres 1974, nach dem Aufbau eines Staatsapparates nach sozialistischem Vorbild unter Mengistu, nach vielen kriegerischen Auseinandersetzungen mit Befreiungsbewegungen vor allem gegen Somalis, Eriträer und Oromos sind die christlichen Minderheitskirchen unter starken Druck geraten.

Erinnerungsfoto mit Pfr. Dr. Mommsen vor der Hauptkirche in Addis Abeba
Fast alle 120 Straßenkinder, einige Eltern und Mitglieder von
Mekane Yesus stellten sich mit Pfarrer Mommsen vor der
Hauptkirche in Addis Abeba zu einem Erinnerungsfoto.

Pfarrer Dr. Friedrich J. Mommsen (Wehrda), Beauftragter des Kirchenkreises Marburg-Land für die Straßenkinderaktion, hat sich jetzt auf Einladung der Mekane Yesus Kirche, die in Addis Abeba die Hilfsaktion organisiert, an Ort und Stelle fast vier Wochen orientiert. An ihn geht gleich die wichtigste Frage: Kommt die Hilfe wirklich an?

Organisation

Wie ausgezeichnet die zielgerichtete Verteilung unserer Spendenmittel klappt, das hatten wir zwar erhofft, in der tatsächlich ablaufenden perfekten Organisation bis ins Kleinste hin allerdings kaum für möglich gehalten. Außer einigen kranken und zwei auswärts weilenden Kindern habe ich alle unsere Straßenkinder zweimal gesehen. Bei manchen war ich persönlich zu Hause eingeladen. Zum Schluß meines Aufenthaltes in Addis Abeba kamen wir alle - die Kinder, ihre Fami. lien und die kirchlichen Helfer - zu einer großen Schlußversammlung in der Hauptkirche Mekane Yesus zusammen.

Während meines Aufenthaltes habe ich immer wieder unsere Straßenkinder aufgefordert, mir ihre Lebensverhältnisse zu beschreiben. Die meist in meinem Beisein in amharischer Sprache verfaßten Schilderungen sind noch nicht alle übersetzt, aber die Zeilen der Kinder quellen über von unendlicher Dankbarkeit, die uns beschämen muß, wenn man die armseligen Verhältnisse in ihrer familiären Umgebung gesehen hat.

Kirchenverfolgung

Immer wieder hört man, daß die Kirchen in Äthiopien behindert, ihre Mitglieder verfolgt werden. Welche Möglichkeiten hatten Sie, um sich zu informieren?

Im Westen, in der Provinz Wollega, muß man durchaus von Verfolgungen sprechen, denen vor allem die protestantischen Missionskirchen, getragen überwiegend vom Oromo-Stamm, ausgesetzt sind. In Addis Abeba wird die kirchliche Arbeit mit Rücksicht auf die dort anwesenden Ausländer weniger behindert. Dennoch ist Äthiopien nach unserem Verständnis kein freier Staat. Das Fotografieren aller öffentlichen Gebäude ist verboten und in Addis Abeba dann praktisch unmöglich. Beim Betreten einer Bank oder eines Postamtes muß sich jeder eine Leibesvisitation gefallen lassen.

In Äthiopien herrscht eine für uns unvorstellbare Armut. Man muß verstehen, wenn ein Staat dies nicht überall gezeigt haben will und deshalb das Fotografieren verbietet.

Addis Abeba beherbergt 1,2 Millionen Menschen. Viele von ihnen sind auf einem unheimlich kleinen Lebensraum zusammengepfercht. 55 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre, so daß man Addis auch die Stadt der Kinder und Jugendlichen (meist ohne Hoffnung) nennen kann.

Bei kirchlichen Veranstaltungen bin ich von einzelnen Familien nach Hause eingeladen worden. Nur so war es mir möglich, ihre armseligen Hütten zu betreten und zu fotografieren.

Praktische Hilfe

Was wird von den Spendengeldern alles bezahlt?

Für jedes Kind geben wir im Monat 45 Birr - so heißt die äthiopische Währung - aus. Da der Birr an den Dollarkurs gebunden ist, müssen wir Jahr für Jahr mehr D-Mark für ein einziges Kind bereitstellen. Innerhalb weniger Jahre ist der Kurs von 0,89 auf 1,26 gestiegen.

Die Auswahl

Welche Kinder unterstützt Ihre Aktion, wie kommt die Auswahl zustande?

Über die Synode werden den einzelnen Gemeinden eine bestimmte Anzahl von Plätzen zugewiesen. Diese vergibt dann ein diakonischer Ausschuß, quasi ein Gremium, das in den Straßen der Armen zu Hause ist. Wie notwendig diese Hilfe ist, mag am Beispiel der für uns unvorstellbaren Armut deutlich werden:

Eine Familie mit neun Kindern wohnt in einer Hütte, deren Grundfläche im Durchschnitt neun Quadratmeter beträgt.

Und oft lebt die ganze Familie von dem Geld, das einem einzigen Kind dieser Familie über unsere Aktion zugewiesen wird.

Menschenschlangen

1978 schloß Äthiopien mit Kuba und der Sowjetunion Abkommen über wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit ab. Weitere Freundschafts- und Kooperationsabkommen mit Rumänien und der DDR folgten. Ist da westliche Hilfe in einem an den Sozialismus angeschlossenen Land erwünscht?

Die Vertreter unserer bundesrepublikanischen Botschaft bezeichnen eine solche Fragestellung als typisch für die europäische Sicht. Aus äthiopischer Wirklichkeit muß festgestellt werden, daß man auf Hilfe, ob man sie nun will oder nicht, in jedem Fall angewiesen ist.

Jedes Denken in west- oder östlichen Dimensionen ist angesichts der Not vor Ort falsch und daher unangebrachte SchwarzWeiß-Malerei.

Die 30 ärmsten Länder Afrikas erhalten zur Zeit von der Weltbank und anderen eine Hilfe von 16,20 Dollar pro Kopf und Jahr. Daß den Äthiopiern gegenwärtig nur viereinhalb Dollar zugestanden werden, spürt man an jeder Straßenecke.

In Addis Abeba sind lange Menschenschlangen, die um das Hauptnahrungsmittel, die Getreideart Teff, anstehen, an der Tagesordnung.

Falls Teff überhaupt zu haben ist, dann kostet er im Augenblick 180 Birr pro Zentner, normal sind 70 Birr. 500 Kilometer westlich in Aira ist Teff zum üblichen Preis zu haben. Aber die einzige Straße, die Aira und Addis verbindet, ist über 400 Kilometer lang nichts anderes als ein geschotterter Feldweg, von dem kilometerlang links und rechts kein einziger Weg abgeht. Dem Land fehlt die Infrastruktur.

Der Erfolg...

Ist angesichts dieser immensen Schwierigkeiten Ihrer Hilfsaktion überhaupt ein dauerhafter Erfolg beschieden?

Dazu als Antwort ein Beispiel: Wir betreuen seit neun Jahren ein blindes Mädchen, das im nächsten Jahr sein Lehrerexamen ablegen wird. Seine Reaktion: "Ich bin glücklich, daß ich, die bisher Unterstützte, dann auch meine Geschwister und meine Familie unterstützen kann." Aus dem gleichen Grund, nämlich um ihrer Familie helfen zu können, will beispielsweise eine junge Krankenschwester in Addis Abeba bleiben. Sie war allerdings von einem anderen Hilfsprogramm betreut worden.

Jede Hilfe in Addis Abeba muß die Sozialstruktur der Familie und Großfamilie als das tragende Fundament berücksichtigen.

Hilfe auf das ganze Land zu übertragen, heißt wiederum zu berücksichtigen, daß Addis nicht mit Äthiopien gleichzusetzen ist. 30 verschiedene Stämme, im Kampf um die Herrschaft verstrickt, erhöhen die Probleme. Was aber an vielen Stellen gleich ist, das ist die unvorstellbare Armut, die immer wieder an biblische Bilder erinnert. Kilometerweit gehen die Menschen zu Fuß oder mit einem Lastesel, um - wie es in der Bibel steht - "ein Fell zu Märkte zu tragen".

Bei der Schlußveranstaltung
Bei der Schlußveranstaltung in der Mekane Yesus Kirche in
Addis Abeba Überreichte Pfarrer Dr. Mommsen den Patenkindern
je ein Neues Testament in amharischer Sprache.

Vom Überfluß

Wenn Sie das Gesehene werten, wo setzt da der Pfarrer an, der aus der Überflußgesellschaft kam. Welche Eindrücke hinterläßt da das Fremde Afrikas?

Die Gegensätze sind so groß, daß im Vergleich zu Äthiopien unsere Welt sowohl materiell wie auch ideell unvorstellbar reich erscheint. In einem Land, das von den patriarchalischen Herrschaftsspuren der Stämme geprägt und vielleicht deshalb heute so diktatorisch regiert ist, wird im Grunde erst deutlich, was es heißt, als freier Bürger in einem freien Rechtsstaat zu leben. Umgekehrt sieht man die Krankheitssymptome unserer Wohlstandsgesellschaft viel schärfer. Man erkennt die Verpflichtung, die wir alle, die wir in einer Welt zusammenleben, für unsere Mitmenschen auch in der Dritten, Welt haben. Wir werden nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit Afrika als Wirtschaftsmacht auf Dauer zusammenleben müssen.

Hilfe, die wir einem Land erweisen, das nach mehr Hilfe schreit, trägt bestimmt die Dimension des Friedenschaffens in sich.

Bei aller Fremdheit, mit der sich Afrika uns Europäern entgegenstellt, es war wohltuend zu erfahren, daß sich über die gemeinsame christliche Basis sofort ein vertrautes Gefühl der Gemeinschaft einstellt. Das war bei der Begegnung mit den leitenden Leuten der dortigen Kirche so, das war noch mehr in der Kirche so, wo ich mich im Gottesdienst trotz der amharischen Sprache schnell wie zu Hause gefühlt habe.

Der obenstehende Beitrag von Dieter Rodenhausen erschien am 11. Dezember 1982 in der Oberhessischen Presse (OP). Wir danken der OP für die freundliche Genehmigung der Wiederveröffentlichung.

Letzte Aktualisierung: 04.11.2007