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Reisebericht

Von Rose Haizmann

Übermüdet und noch etwas durcheinander betreten wir den vollbesetzten, etwas muffigen Raum, blicken in erwartungsvolle Augen. Mühsam verdrücke ich aufkommende Tränen des Bewegtseins und der Freude - angekommen!

Portrait eines äthiopischen JungenDie vorbereitenden Impfungen für diese Reise hatte ich gut vertragen. Die seit Mai stattfindenden organisatorischen Treffen der Delegation verliefen meist so, dass wir „Neulinge“ (Pfr. Siebert und ich) uns von den „Erfahrenen“ (Dekan Dr. Voss, Pfr. Zekl und Frau Dr. Kuhnhen) mit hinein nehmen ließen in Besuchsplan, Gastgeschenke, Buchung des Fluges usw. Eine biblische Geschichte, die wir dann dort den Kindern erzählen sollten, hatte ich mir ausgesucht und manche Gedanken ins Englische übersetzt. Im Detail ausarbeiten wollte ich sie bewusst nicht, da ich unsicher war, wie eine Auslegung in unserem deutschen Kontext in die Situation der äthiopischen Kinder passen würde.

Seit fast 30 Jahren bin ich mit einem Straßenkinderprojekt in Pakistan verbunden, freue mich über allgemeine Berichte von dort und einen persönlichen Gruß des Patenkindes zu Weihnachten, bete für diese Arbeit und staune, mit welch kleinem monatlichen Beitrag wir in anderen Ländern so viel helfen können.

So freute ich mich, als ich vor knapp 20 Jahren hier in Trinitatis das Projekt „Straßenkinder in Addis Abeba“ kennen lernte. „Eine gute Sache“, war mein erster Eindruck, der sich über die Jahre verstärkte durch das Erzählen von Reisen und durch Begegnungen mit Delegierten der äthiopischen Kirche, die unseren Kirchenkreis besuchten. Auch sind mir die Kinder der Welt oft gegenwärtig, wenn ich meinen Kindern hier ein Glas Milch geben kann, sie mit einem guten Essen erfreue, saubere Wäsche von der Leine nehme, sie am Morgen zur Schule entlasse, und sie beim Abendgebet heil und warm unter einer Decke liegen - all das und noch viel mehr ist mir nie selbstverständlich! Wie die Begegnung mit solchen Kindern, der hautnahe Kontakt, dann wirklich sein würde, darauf war ich gespannt. Und ich freute mich riesig auf diese Reise! Jetzt saßen sie vor mir. Sie musterten mich mit ihren großen, dunklen, wunderschönen Augen, doch die Distanz zwischen uns schien ihrerseits groß zu sein.

Portrait eines äthiopischen JungenMit Verspätung kamen wir in Addis Abeba an. Wir wurden freundlich von einer Delegation unserer Partnerkirche empfangen, bekamen einen ersten Eindruck der Stadt bei Nacht und fielen schließlich gegen 3:30 Uhr müde ins Bett unserer Unterkunft auf dem Gelände der Hermannsburger Mission. Die Hermannsburger Mission ist das Bindeglied zwischen unserem Kirchenkreis Marburg-Land, der das Geld für die Kinder sammelt, und der äthiopischen Kirche, die das Projekt durchführt.

Am Morgen haben wir einen ersten Termin zur Begegnung mit den Verantwortlichen der evangelisch-lutherischen Mekane Jesus Kirche: der Präsident der Kirche, der Finanzverwalter und Ato Daniel, der als Sozialarbeiter für „unsere“ Kinder zuständig ist. Er begleitet uns bei den Besuchen und übersetzt uns. Und dann fahren wir zu einem ersten Besuchstermin bei einer der Kindergruppen.

Portrait eines äthiopischen Mädchens1014 Kinder werden von unserem Kirchenkreis zur Zeit unterstützt. Sie sind in 21 Kirchengemeinden angegliedert. 10 in Addis Abeba, 11 auf dem Land bis hin zur somalischen Grenze. Die Kinder bekommen Geld für Nahrung, Kleidung, Schulmaterial, medizinische Versorgung. „Family Reunification Program“ nennt sich unser Projekt „Straßenkinder in Addis Abeba“, was auch viel zutreffender ist. Denn durch unsere Unterstützung können diese Kinder in ihren Familien wohnen bleiben und werden davor bewahrt, „Straßenkinder“ zu werden. Samstags treffen sich die Kinder mit ihren Angehörigen in der Gemeinde. Dort werden sie medizinisch betreut, werden über Ernährung und Hygiene informiert und bekommen biblischen Unterricht. Dadurch finden viele der Kinder und ihre Familien einen Zugang zur Kirche. Und wichtiger: sie entdecken Jesus als ihren Herrn und Retter und finden zu einer persönlichen Beziehung mit ihm.

In den Gemeinden werden die Kinder von Koordinatoren betreut. Diese halten neben dem Kontakt zu den Kindern auch Kontakt zu den Schulen, schreiben regelmäßig Berichte an das zentrale Büro in der Hauptstadt und sind die Ansprechpartner des Sozialarbeiters Ato Daniel.

Von der asphaltierten Straße sind wir in eine Seitenstraße abgebogen: Steine, Staub, Schmutz, Wellblech- oder Plastikplanenhütten, und hinter einem großen Tor auf einem eingezäunten Gelände die Kirche, die wir heute besuchen. Die Kinder sind mit ihren Angehörigen gekommen: Väter, Mütter, Tanten, Oma, Opa und Geschwister. Eng zusammengepfercht sitzen sie auf schlichten Holzbänken. Irgendwo weist man uns auch noch einen Platz an. Und dann beginnen wir mit dem Programm: Ato Daniel stellt uns vor und wir bringen ein Grußwort von unseren Gemeinden, verbunden mit Informationen darüber, wie wir hier in Deutschland das Geld sammeln. Das meiste sind Einzelspenden in Form von Kollekten: Z.B. die Kollekte der Weihnachtsgottesdienste, bei der Konfirmation, anlässlich eines Geburtstags. Oder auch besondere Aktionen wie Schuhe putzen beim Grenzgangsfest. Aufmerksam und ehrfurchtsvoll hören die Anwesenden zu. „Amesgenu Jesu sin“ - „preisen lasst uns Gott, den Herrn“, singen wir anschließend und Pfr. Zekl begleitet uns auf einer neuen Gitarre, die wir anschließend in Äthiopien lassen.Portrait eines äthiopischen Jungen Indem wir durch Singen und Klatschen unserer Freude Ausdruck geben, verändern sich langsam die Gesichter der Kinder. Ein aufmunternder Blick zum Mitmachen entlockt ein Lächeln, das später beim Spielen in ein ganz fröhliches Miteinander mündet. Einer von uns erzählt eine biblische Geschichte und wir überreichen dazu ein gemaltes Bild von den Kindergottesdienstkindern aus unserem Kirchenkreis. Danach haben die Kinder und Eltern Gelegenheit zu erzählen. Wir sind tief beeindruckt und beschämt, wie viel Dankbarkeit uns entgegenkommt.: „Obwohl ihr uns nicht kennt, sind wir es wert, dass ihr uns helft“, „Danke für den weiten Weg, den ihr gemacht habt, um zu uns zu kommen“, „Eure Hilfe macht uns zu menschlichen Wesen“; „Wir segnen euch und bitten, diesen Segen in euren Gemeinden weiterzugeben“. Mir scheint, dass sich darin unsere Hilfe von vielen anderen Hilfsprojekten in diesem Land unterscheidet: die persönliche Begegnung mit den Menschen, eine Delegation als Brücke zwischen Gebern und Empfängern. Wobei das „Beschenkt-Werden“ mehr auf unserer Seite liegt. Zum Abschluss bekommt jedes Kind einen Kugelschreiber - ein Geschenk, das den Kindern sehr kostbar ist. Zwei Frisbeescheiben segeln über die Köpfe der Versammelten hinweg und bald spielen einige mit, fangen und werfen weiter - ein Geschenk für die ganze Gruppe. Genauso wie ein buntes Schwungtuch, das vielfältig spielerisch eingesetzt werden kann.

Ammaseggenyalo - Danke! Dank an Gott für eine behütete Reise und Bewahrung auf allen Fahrten im Land, teilweise auf halsbrecherischen Straßen. Dank an unsere Partnerkirche und besonders an Ato Daniel für eine sehr gute Koordination im Land. Dank an Sie, die sie mit Ihrem Geld den Kindern in Äthiopien lebenswichtige Hilfe leisten.

20 Euro monatlich für die Unterstützung eines Kindes - 20 Euro, die wirklich bestmöglich angelegt sind.

Rose Haizmann war Mitglied der Delegation, die im Oktober 2004 die vom Kirchenkreis Marburg-Land unterstüzten äthiopischen Gemeinden besuchte. Der Bericht ist ursprünglich im Gemeindebrief der Trinitatiskirchengemeinde MR-Wehrda, erschienen.

Letzte Aktualisierung: 04.11.2007