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Einmal Segen - und zurück

Von Dekan i.R. Dr. Karl-Ludwig Voss

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Ein junger äthiopischer Geschäftsmann setzte sich neben mich. Auch er wollte nach Addis Abeba fliegen. Als er hörte, dass ich Christ und dazu noch Pfarrer sei, erzählte er mir viel von sich. Unter anderem auch davon, dass er eine Bibelschule besucht habe und manchmal als Prediger tätig sei. So unbeschwert und heiter wie ihn habe ich lange keinen Menschen von seinem Glauben reden hören.

Das war ein guter Anfang unserer Reise. Sie sollte zu zwanzig Kirchengemeinden der Mekane Yesus Kirche führen. Davon erzählte ich meinem Nachbarn im Flugzeug, und auch von den 1014 Kindern, die der Kirchenkreis Marburg-Land monatlich unterstützt. In Zusammenarbeit mit der Central Synod ist diese Hilfe für gefährdete Kinder organisiert, Kinder, die leicht in das Milieu der Straßenkinder abgleiten könnten. Die Hilfe umfasst Ernährungs- und Kleiderhilfe ebenso wie eine medizinische Vorsorge und Unterstützung bei der Beschaffung von Lernmaterial für die Schule.

Äthiopische Landschaft mit Rundhüttensiedlung

Zwei Personen der Marburger Delegation, Pfarrer Martin Zekl und Dr. Claudia Kuhnhen waren schon zehn Tage früher gefahren. Sie hatten schon einige der Gemeinden des Kinderprojekts besucht, die weit entfernt im Osten des Landes lagen. Als Ärztin unterstrich Frau Kuhnhen, Doktor Claudia genannt, immer wieder die medizinische Versorgung und auch Maßnahmen zur Aidsprävention. Mein äthiopischer Nachbar freute sich, von all diesen Dingen zu hören und verabschiedete sich sieben Stunden später bei der Ankunft in Addis mit einem Segenswort.

Jugendreferentin Wiebke Buff und ich wurden am Flugplatz erwartet. Und schon am nächsten Morgen fanden die ersten Begegnungen mit Mitarbeitern der äthiopischen Partnerkirche statt und bald auch die Treffen mit Eltern, Kindern und Koordinatoren des Hilfsprogramms. Und ein Wort kam immer wieder vor: Segen, Blessing. Das, was uns miteinander teilen lässt, materiell und geistlich greifbar und spürbar. Die Spendengelder von Menschen und Gemeinden des Marburger Landes kommen an, und es kommt etwas zurück, das mehr ist als Dank.

Im Berufsbildungscenter SelamIm Berufsbildungscenter Selam traf ich u. a. auf den zwanzigjährigen Amare. Schon als Kind war er in seiner Heimatgemeinde durch das Marburger Programm gefördert worden. Wir konnten uns auf Englisch unterhalten, und so erfuhr ich, dass er in einem Jahr seine Ausbildung beenden würde. Er hofft dann, einen Arbeitsplatz als Mechaniker in einer Werkstatt zu finden und für sich selbst sorgen zu können. Was wäre aus ihm geworden, wenn er nicht den Weg in unser Projekt gefunden hätte? Um wie viel besser sind auch die Chancen der beiden jungen Mädchen, die, aus den Kindergruppen in Kotobe oder Kolfe kommend, jetzt eine hauswirtschaftliche Lehre absolvieren und uns im Lehrrestaurant beim Mittagessen bedienten.

Auf eigenen Füßen stehen, das ist das Ziel. Manche erreichen es durch eine Ausbildung als Schlosser oder als Hauswirtschafterin oder auch durch die Möglichkeit, ein eigenes Lädchen oder eine Friseurstube zu betreiben.

Am Stadtrand von Addis AbebaDie unterstützten Kinder und Familien sollten erfahren, dass ihre Hilfe von konkreten Menschen und nicht von anonymen Organisationen kommt. Deshalb haben wir auch einzelne Familien aufgesucht: Am Stadtrand von Addis hatten wir die Hauptstraße verlassen. Wir mussten aus dem Geländewagen aussteigen. Vor den primitiven Hütten aus Wellblech und Planen stolperten wir über eine freie Fläche, wo Knochen und alle Sorten von Müll herumlagen. Hier werden sonst Tiere geschlachtet, wurde uns gesagt. Ein herrenloser Hund streunte herum. Noch ein Sprung über einen kleinen Abwassergraben, dann standen wir vor einer Wellblechhütte. Dort erwarteten uns eine Frau und ihre etwa zwanzigjährige Tochter. Sie hatten sich durch Spendengelder eine Kuh kaufen können. Die lebte mit ihnen in derselben Hütte.

Die Frauen versicherten uns, dass die regelmäßigen kleinen Einnahmen durch den Verkauf von Milch ihren Lebensunterhalt ganz entscheidend absicherten. Aber es war nicht nur eine Frage der materiellen Unterstützung. Dass wir uns so ganz direkt gegenüberstanden, uns fragend oder lächelnd ansahen, machte das Besondere der Situation aus, nicht nur hier, sondern auch bei vielen anderen Begegnungen.

Im GottesdienstHans Joachim Krause, seit Februar Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Addis, vorher in Wetter/Krs. Marburg tätig, hat uns mit seiner Frau Gerlind bei vielen Besuchen begleitet. Ebenso hat Pfr. i. R. Johannes Launhardt als Dolmetscher und Vermittler während der ganzen Reise unschätzbare Dienste geleistet. Jahrzehnte hat er in Äthiopien gelebt und die Mekane Yesus Kirche mit aufgebaut. Er spricht fließend die gebräuchlichsten Sprachen, das offizielle Amharisch und das verbreitete Oromija.

Immer wieder hat mich die spontane und herzliche Art des menschlichen Umgangs angesprochen. Wir haben sie auch in den Gottesdiensten erlebt, wenn Menschen durch begeisterte Zwischenrufe u. a. mich als Prediger ermuntert haben.

Ato DanielNach vierzehn Tagen trafen wir uns abends am Flughafen, um uns zu verabschieden. Ato Daniel (rechts), der äthiopische Leiter unseres Programms, ebenso wie Kes Girma, der Präsident der zentraläthiopischen Synode, und andere Freunde waren zum Abschied gekommen. Gerührt und erfüllt von vielen lebendigen Erfahrungen ließen wir uns in die Sitze des Airbusses fallen.

Als ich unter den Fluggästen, zwei Reihen vor mir, den jungen Geschäftsmann vom Hinflug wiedererkannte, war es ganz natürlich, dass wir uns fröhlich umarmten. Später gab er mir einen schön geschliffenen zierlichen Granatstein in die Hand mit den Worten: Thanks. And God bless you. Danke. Und Gott segne euch. Das gilt schließlich für alle an diesem Projekt beteiligten Menschen, in Äthiopien und im Marburger Land.

Der Bericht von Dr. Karl-Ludwig Voss handelt von einer Delegationsreise nach Äthiopien im Jahre 1998, an der er als Dekan des Kirchenkreises Marburg-Land teilnahm.

Letzte Aktualisierung: 04.11.2007